Das „Franzosenlied“ hat sich im Schwabenland weit verbreitet, in Burgau wurde es vor allem im Unterknöringer Gasthaus Zech gepflegt und auch heute noch gelegentlich gesungen. Das Satire- und Spottgedicht entstand in Munderklingen. Diese beschauliche, in einer Donauschleife gelegene Stadt, hat eine zu Burgau engverwandte Geschichte: Sie gehörte von ca. 1297 bis 1805 zu Vorderösterreich, wurde von den Habsburgern öfters verpfändet und ist eine weit bekannte Faschingshochburg. Dort ist am 25. Juni 1767 der schwäbische Dialektdichter Carl Borromäus Weitzmann als Sohn des ehemals Preußischen Regimentsarztes Friedrich Weitzmann geboren. Dieser war zum katholischen Glauben konvertiert, hatte in das Munderkinger Gasthaus Hirsch eingeheiratet und wurde Stadtphysikus und später Bürgermeister. Der kleine Carl fiel schon in der Schule durch außerordentlichen Wortwitz und eine „freche Gosch“ auf. Nach Besuch des Gymnasiums studierte er Jurisprudenz in Wien. Carl wurde dann Sekretär der vorderösterreichischen Landstände im nahegelegenen Ehingen. Nach der Übergabe der Habsburger Besitzungen nach dem Preßburger Frieden (1805) an das Königreich Württemberg wurde Weitzmann frühzeitig in den Ruhestand versetzt und brachte seine Großfamilie mehr schlecht als recht als Rechtsanwalt durch. Carl Weitzmann schuf zeitlebens humoristische Gedichte, Possen und satirische Verse. Seine hochdeutschen Reime wurden kaum beachtet. Seine Dialektschöpfungen mit schlagendem Witz, trefflicher Zeichnung von Personen und satirisch-deftigen Passagen fanden dagegen weite Verbreitung. Besonders gerne nahm er seine Heimatstadt Munderkingen auf die Schippe. Während der Koalitionskriege gegen Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts lagen vor Munderkingen Truppen der französischen Revolutionsarmee. Die Aufregung und Panik der Bürger und der Honoratioren anlässlich der „Belagerung der Stadt“, wobei es sich lediglich um ein Manöver der Franzosen gehandelt haben soll, nutzte Weitzman 1798 für eine deftige satirische Dichtung mit dem Titel „Der Ausfall der Munderkinger im Jahre 1798“.

Carl Weitzmann 1767 -1828
Dieses Gedicht, nach Vertonung vor Ort „Belagerungslied“ genannt, verbreitete sich als „Franzosenlied“ in diversen Variationen bis ins bayerische Schwaben. Als das Belagerungsgedicht gedruckt erschien, hatte Weitzmann es nach Meinung der Munderkinger aber zu weit getrieben. Im Originalgedicht wurden eine ganze Reihe von Bürgern mit ihren Haus- oder Spitznamen persönlich vorgeführt und auch die Honoratioren nicht verschont. Nach dem Bericht des Sohnes Friedrich von Carl Weitzmann (1854) sah der Magistrat die Ehre der Stadt bedroht und verfasste in einer Sitzung ein Schmähpamphlet auf den Dichter mit der Einleitung „Weitzmann Carol! ..... nimm dich wohl in Acht: dies Gedicht hat ein Ratsherr gemacht!“ Zusätzlich sei als „körperliche Strafe“ eine ihm nachgebildete Strohpuppe in feierlicher Prozession zur Donaubrücke geführt und in den Fluten versenkt worden.1 Bei einem Besuch Weitzmanns mit Freunden in seiner Heimatstadt kam es sogar zu Handgreiflichkeiten. Es dauerte eine Weile, bis sich die Munderkinger mit ihrem Poeten wieder versöhnten. In seinen letzten Lebensjahren sammelte Weitzman sein Gesamtwerk von hunderten von Gedichten, Possen und Liedern in über400 Seiten, wobei die wenig beachteten hochdeutschen Verse in der Mehrzahl sind. Überraschend fehlt in diesem dreiteiligen Band seine am weitesten verbreitete Schöpfung, das „Belagerungslied“ oder „Franzosenlied“.2 Der altersweise Autor wollte die Bürger seiner Heimatstadt wohl nicht nochmals ärgern. Weitzmann schrieb kurz vor seinem Tod noch das Vorwort für diesen Sammelband, mit dem für den Humoristen typischen Spruch: „Diese Kinder meiner heitern Laune möchten, wo Madame Griesgram zu Hause ist, überall reinen Tisch machen.“3 Noch vor Herausgabe des Buches ist C. Weitzmann im Mai 1828 verstorben. Die Gedichtsammlung erschien 1868 bereits in der 7. Auflage. Sein Sohn Friedrich Weitzmann hat 1854 eine Auswahl seiner Dialektgedichte mit einer Biografie seines Vaters herausgegeben, worin das „Belagerungslied“ mit dem Titel „Der Ausfall der Munderkinger“ erscheint (wie Anm. 1). Die Heimatstadt sah die Dichtung inzwischen mit Humor und noch heute zieht bei jedem Munderkinger Faschingsumzug eine ganze Narrengruppe das „Belagerungslied“ („Franzosenlied“) singend mit.

Fasnachtsgruppe im Munderkinger Fasching
1 Friedrich Weitzmann, C. Weitzmann`s auserlesene Gedichte sowohl in reindeutscher, als schwäbischer Mundart mit einer kurzen Biographie, seinem getreuen Bildnisse und einer Wörter-Erklärung, Stuttgart, 1854, siehe S. 109f. (Der Ausfall der Munderkinger/Franzosenlied), sowie S. 24-S. 28.
Der Band von 165 Seiten enthält entgegen des Titels keine hochdeutschen Gedichte, die Biographie ist von Seiten des Sohnes etwas „befangen“ ausgefallen.
2 C. Weitzmann´s sämmtliche Gedichte, In drei Bändchen, Ludwigsburg 1829.
„Die Scenen während des Belagerungsmanövers in der Stadt Munderkingen im September 1825“ ab S. 106 des dritten Teils haben nichts mit dem „Belagerungslied/Franzosenlied“ zu tun.
3 Wie Anm. 2, S. III/IV.
Franzosaliad (von Familie Zech, Unterknöringen)
Auf Bürger, standat unter´s G´wehr, d´Franzosa rucket a!
Sia kommat scho, bei meiner Ehr, beim Kugeltörla ra,
sia kommat scho, bei meiner Ehr, beim Kugeltörle ra.
Verschoppats Toar mit Dreck ond Mischt und teant da Riegl viar!
Wenn dös net hilft, Herr Jesu Christ, nau kenn mr nix drfür,
wenn dös net hilft, Herr Jesu Christ, nau kenn mr nix drfür.
Dr Bürgermoischtr gaht vora, potzschtera mordio!
Ear hat da blaua Kittl a und Franza am Schapo,
ear hat da blaua Kittl a und Franza am Schapo.
Ond henta drei, da kommt nau glei dr Amtmann von dr Schtadt!
Weil der da gweihta Säbl hat vom Riesa Goliath,
weil der da gweihta Säbl hat vom Riesa Goliath.
Und au dr Pfarrer von dr Schtadt, der reit´ sei Rößle fei.
Und auf ra alta Spitlkuah sei Mesmer hinta drei,
und auf ra alta Spitlkuah sei Mesmer hinta drei.
Dr Günzburger Bezirksamtmah hat vom Paradies des feirig Schwert
Er kommt von Ziemetshausa ra und kehrt am Seiler Lert.
Beim Buebalaböck, beim Buabalaböck dau hält dia Reiterei.
Ond Kaschprmicheles Florian isch Korporal dabei,
ond Kaschprmicheles Florian isch Korporal dabei.
Isch dös a Kerl, so geits koin Karl, dear isch bigott so keck!
Dear riß em Teufel, wenn´r konnt, da Schwanz vom Fidla weg,
dear riß em Teufel, wenn´r konnt, da Schwanz vom Fidla weg.
Ond d´Weiberleut, dia hangat all, and Rauthausbrüschtung na.
Schtatt ihrem Gschwätz ond Weibergschroi schreit die jed om
ihran Ma,
schtatt ihrem Gschwätz ond Weibergschroi schreit die jed om
ihran Ma.
Ond blinda Schuaschtrs Annamei ond Karladobes Great,
dia kochat scho da schwarza Brei für d´Generalität
dia kochat scho da schwarza Brei für d´Generalität.
Ond föllt a Bombakügele auf unser Schtädtle ra,
nau schreiat alle Fuirio ond bislat drüber na,
nau Schreiat alle Fuirio ond bislat drüber na.
Wenns brenna duat ond a Festle geit, kommt dr Bezirksfuir-
wehrgeneral. Ma sollt´s net glauba, das so was geit,
der Städele isch halt überall.
Jetzt dent´r glei Kanona raus, di send im Spritzahaus,
en zwelfer hat en Spatz neibaut ja laichet´n den naus
Am untra Tor gibt´s Menaschrie für alle Kanonier
und Schwartamaga Batzalaib und sieba Liter Bier.
Dr Moritz di groß Kreigsroll schreibt, er macht Paragrafa ond
Versla nei, er meint es wer jetzt an dr Zeit, daß Rußland
schwäbisch sei.
Dr Beraschmied am Schleifstoi dreht glei Säbel hunderweis,
seim Schmiedeghilf der trappa muaß wirds undarum ganz hoiß.
Herzlichen Dank an die Familie Zech/Unterknöringen für die Kopie ihres Exemplars des Franzosenliedes. Danken möchte ich auch Herrn Frank Stöhr vom Rathaus Munderkingen für die Übersendung der Fotos der „Belagerungsgruppe“ im Faschingszug und des Bildes von Carl Borromäus Weitzmann aus dem Stadtmuseum Munderkingen.
Dr. Philipp Jedelhauser
Historischer Verein
Burgau Stadt und Land e. V.
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